Ergotherapie und der App-Einsatz im Hirnleistungstraining: Wie eine digitale Übung das eigene Therapieangebot stärkt
Ergotherapie und Sprachtherapie überschneiden sich vor allem dort, wo es um kognitive Funktionen geht – beim Hirnleistungstraining. Dieser Ratgeber zeigt Ergotherapeut:innen, welche Indikationen vom Schlaganfall bis Long COVID ein digitales Eigentraining sinnvoll machen, in welchen drei Praxis-Settings sich eine App wie Lautkleckse einsetzen lässt und worauf Sie bei Auswahl, Datenschutz und Abrechnung achten sollten. Mit klarer Abgrenzung zur Sprachtherapie und Quellen aus G-BA, DVE und KBV.
Ergotherapie ist eines der breitesten Heilmittel in der deutschen Versorgungslandschaft. Sie reicht von der Pädiatrie über die Handtherapie bis in die geriatrische und neurologische Rehabilitation. In all diesen Bereichen geht es um dasselbe übergeordnete Ziel: Menschen sollen in ihren Alltag zurückfinden, eigenständig handeln und am Leben teilhaben können. Genau hier setzt das ergotherapeutische Hirnleistungstraining an – und genau hier können digitale Werkzeuge das eigene Angebot heute spürbar erweitern.
Dieser Ratgeber richtet sich an Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, die ihr neurokognitives Angebot strukturierter aufstellen wollen, die zwischen den Sitzungen mehr Trainingsintensität für ihre Patientinnen und Patienten erreichen möchten – und die wissen wollen, wo eine App wie Lautkleckse aus ergotherapeutischer Sicht ansetzt. Die Abgrenzung zur Sprachtherapie kommt vor, bleibt aber, was sie ist: eine Nebennote. Im Mittelpunkt steht der ergotherapeutische Auftrag.
Der Auftrag der Ergotherapie: Handlungsfähigkeit, Teilhabe, Alltag
Der Deutsche Verband Ergotherapie (DVE) definiert Ergotherapie als Begleitung von Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder davon bedroht sind. Ziel ist, sie bei der Durchführung für sie bedeutungsvoller Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt zu stärken (DVE).
Der Heilmittelkatalog des Gemeinsamen Bundesausschusses formuliert es konkreter: Die Maßnahmen der Ergotherapie dienen der Wiederherstellung, Besserung, Erhaltung, dem Aufbau oder der Kompensation sensomotorischer, perzeptiver und mentaler Funktionen und der daraus resultierenden Beeinträchtigungen von Aktivitäten, der Teilhabe, insbesondere im Bereich der Selbstversorgung, Mobilität, der Alltagsbewältigung, Interaktion und Kommunikation sowie des häuslichen Lebens (heilmittelkatalog.de).
Aus diesem Auftrag leiten sich vier Behandlungsformen ab, die Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten kennen und nutzen:
• Motorisch-funktionelle Behandlung: Bewegung, Geschicklichkeit, Muskelkraft, Gelenkbeweglichkeit.
• Sensomotorisch-perzeptive Behandlung: Wahrnehmungsverarbeitung, sensorische Integration, Bewegungsplanung.
• Neuropsychologisch orientierte Behandlung und Hirnleistungstraining: kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungsplanung und exekutive Funktionen.
• Psychisch-funktionelle Behandlung: psychosoziale, emotionale und psychomotorische Funktionen.
Für den Blick auf digitale Werkzeuge ist vor allem die dritte Behandlungsform interessant – das Hirnleistungstraining. Hier liegen die größten Berührungspunkte zu sprachnahem Material, hier sind tägliches Üben und Wiederholung therapeutisch zentral, und hier kann eine App den begrenzten Sitzungsrahmen sinnvoll verlängern.

Hirnleistungstraining: das neuropsychologische Kerngeschäft der Ergotherapie
Im Heilmittelkatalog ist das Hirnleistungstraining ausdrücklich als Maßnahme der Ergotherapie verankert. Es dient der gezielten Therapie krankheitsbedingter Schädigungen mentaler Funktionen, insbesondere kognitiver Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wahrnehmung, Handlungsplanung und exekutiver Funktionen (heilmittelkatalog.de).
Typische Indikationen, mit denen Patienten in die ergotherapeutische Praxis kommen:
• Schlaganfall und Hirninfarkt: Aufmerksamkeitsdefizite, eingeschränktes Arbeitsgedächtnis, verlangsamte Informationsverarbeitung, oft kombiniert mit feinmotorischen Einschränkungen.
• Demenzielle Erkrankungen: Erhalt vorhandener kognitiver Ressourcen, Verzögerung des Abbaus, Stabilisierung von Orientierung und Tagesstruktur.
• Schädel-Hirn-Trauma: Wiederaufbau kognitiver Grundfunktionen als Basis für berufliche oder schulische Reintegration.
• Long COVID und Post-COVID: Konzentrations- und Wortfindungsstörungen im Sinne eines Brain Fog, Fatigue, reduzierte Belastbarkeit.
• Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, hirnorganische Folgen nach Tumortherapie: kognitive Verlangsamung, Aufmerksamkeitsstörungen, exekutive Defizite.
• ADHS, Lern- und Konzentrationsstörungen bei Kindern: Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle, Arbeitsverhalten.
Allen Indikationen gemeinsam ist eine Eigenheit kognitiver Rehabilitation: Sie braucht Wiederholung in kurzen, dosierten Einheiten. Eine bis zwei ergotherapeutische Sitzungen pro Woche reichen für nachhaltige kognitive Reorganisation in der Regel nicht aus. Die Lücke zwischen den Sitzungen sinnvoll zu schließen, ist eine der zentralen Herausforderungen im Praxisalltag – und genau hier setzt digitales Eigentraining an.
Wo eine App im ergotherapeutischen Hirnleistungstraining wirklich ansetzt
Eine Übungs-App ersetzt keine ergotherapeutische Behandlung. Befundung, Therapieplanung, Auswahl der Maßnahme und die Begleitung des Patienten bleiben fachliche Aufgabe der Therapeutin oder des Therapeuten. Was eine App leisten kann, ist anders gelagert: Sie liefert dem Patienten zwischen den Sitzungen einen klar strukturierten Übungsrahmen, der zu Hause umsetzbar ist.
Lautkleckse verbindet laut öffentlicher Funktionsbeschreibung Bilderkennung, Textassoziation, Audiowiedergabe und Gedächtnisspiele in kurzen, strukturierten Sitzungen. Aus ergotherapeutischer Perspektive sind dabei vor allem die Bausteine relevant, die kognitive Grundfunktionen ansprechen:
• Memory-Kartenmodus: trainiert visuelles Arbeitsgedächtnis, geteilte Aufmerksamkeit und Mustererkennung – klassische Zielgrößen des Hirnleistungstrainings.
• Bild-zu-Text-Modus: verbindet visuelle Wahrnehmung, semantische Verarbeitung und Entscheidungsfindung. Geeignet, um Reaktionsgeschwindigkeit und gerichtete Aufmerksamkeit zu fordern.
• Text-zu-Bild-Modus: fordert geteilte Aufmerksamkeit und das Halten einer Information im Arbeitsgedächtnis, während Alternativen abgeglichen werden.
• Buchstabier-Challenge: die Buchstaben müssen in der richtigen Reihenfolge einzeln angetippt werden – das verlangt Handlungsplanung, Sequenzierung und feinmotorische Steuerung am Touchscreen.
• Drei Schwierigkeitsstufen: Leicht, Mittel und Schwer ermöglichen es, das Anforderungsniveau an die Tagesform anzupassen – ohne Frustration, ohne Unterforderung.
• Schrittbasierte Sitzungen mit Fortschrittsanzeige: kurze, klar strukturierte Einheiten mit sichtbarem Stand (zum Beispiel ‚8 von 12 Schritten') unterstützen Patienten mit reduzierter Aufmerksamkeitsspanne und stärken die Selbstwirksamkeit.

Drei Settings, in denen sich Lautkleckse im ergotherapeutischen Alltag einsetzen lässt
1. In der Einzeltherapie
Das Tablet wird zur ergänzenden Methode neben Karten, Arbeitsblättern und etablierten Computerprogrammen. Eine kurze Memory-Runde zu Beginn der Sitzung lässt sich nutzen, um Tagesform, Aufmerksamkeitsspanne und Reaktionsgeschwindigkeit zu erfassen. Eine Buchstabier-Challenge am Ende fordert nach einer kognitiv anstrengenden Sitzung gezielt Sequenzierung und Handlungsplanung – in einem spielerischen Rahmen, der die Stimmung am Sitzungsende hebt.
2. Als Eigentraining zwischen den Sitzungen
Patienten erhalten eine konkrete, dokumentierte Übungsempfehlung für zuhause. Da Lautkleckse als Browser-App ohne Installation auf Smartphone, Tablet und Desktop läuft und der Fortschritt gespeichert wird, ist der Einstieg auch für technikungeübte Patienten niedrigschwellig. Eine Empfehlung wie ‚Täglich zehn Minuten Memory plus eine Buchstabier-Runde' ist leicht zu kommunizieren und nachvollziehbar.
3. In Gruppenbehandlungen
Das Hirnleistungstraining kann laut Heilmittelkatalog als Einzel- oder Gruppenbehandlung verordnet werden. In einer Gruppensituation lassen sich an mehreren Geräten parallel unterschiedlich anspruchsvolle Aufgaben stellen, ohne dass die leistungsstärkeren Teilnehmer unterfordert oder die schwächeren überfordert werden. Die drei Schwierigkeitsstufen machen genau das möglich.
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Auswahlkriterien: Worauf Sie bei einer App für die Praxis achten sollten
Nicht jede Sprach- oder Gedächtnis-App passt in die ergotherapeutische Versorgung. Aus Sicht einer Praxis sind die folgenden Kriterien wichtig:
• Klare Aufgabentypen: Die Übung muss eindeutig auf eine kognitive Funktion zielen, damit Sie sie befundbezogen einsetzen können.
• Niveauanpassung: Mehrere Schwierigkeitsstufen sind Pflicht, um die App im breiten Indikationsspektrum von leicht betroffenen Long-COVID-Patienten bis zu mittelgradig dementiell veränderten Klienten einzusetzen.
• Niedrigschwellige Bedienung: Große Schaltflächen, einfache Navigation und konsequente Touch-Logik sind für Patienten mit kognitiven oder feinmotorischen Einschränkungen entscheidend.
• Audiounterstützung: Die Möglichkeit, sich Wörter oder Buchstaben vorlesen zu lassen, aktiviert zusätzliche Sinneskanäle und entlastet bei reiner Lesemüdigkeit.
• Gespeicherter Fortschritt: Patienten müssen nahtlos weitermachen können – sonst bricht die Übungsadhärenz früh ab.
• Plattformunabhängigkeit: Eine reine Browser-App ohne Installationszwang ist im Praxisalltag und für ältere Patienten oft einfacher zu vermitteln als ein Store-Download.
• Datenschutz und sichere Authentifizierung: Da Lern- und Nutzungsdaten verarbeitet werden, ist eine transparente, DSGVO-konforme Datenschutzrichtlinie Voraussetzung.

Eine kurze Abgrenzung: Was bleibt Aufgabe der Sprachtherapie?
Sprachtherapie und Logopädie konzentrieren sich auf Stimme, Sprechen, Sprache, Schlucken und Hören. Aphasiediagnostik, sprachsystematische Therapie, Dysarthrie- und Schluckbehandlung sind dort verortet und gehören in die Hände der Logopädinnen und Logopäden (Deutscher Bundesverband für Logopädie, dbl).
Für die ergotherapeutische Praxis bedeutet das: Auch wenn beim Hirnleistungstraining sprachliches Material zum Einsatz kommt – Wort-Bild-Zuordnungen, Memory mit Begriffen, Buchstabier-Aufgaben –, geht es nicht um die spezifische Therapie einer Aphasie. Es geht um Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Sequenzierung und Handlungssteuerung. Die sprachliche Komponente ist Trägermaterial, nicht Ziel. Bei Patienten mit parallel laufender Sprachtherapie lohnt sich die kurze interdisziplinäre Rücksprache, um Inhalte sinnvoll abzustimmen.
Häufige Fragen aus der ergotherapeutischen Praxis
Ist eine App im ergotherapeutischen Hirnleistungstraining abrechnungsfähig?
Die Empfehlung einer App ersetzt nicht die abrechenbare Leistung. Die in der Sitzung erbrachten Maßnahmen werden weiterhin nach Heilmittelkatalog abgerechnet. Die App kann als Eigentrainings-Empfehlung Bestandteil des Therapieplans sein – vergleichbar mit Übungsempfehlungen für zuhause, die in vielen anderen Behandlungsformen bereits Standard sind.
Wie passt die Blankoverordnung nach § 125a SGB V dazu?
Seit dem 1. April 2024 ist die Blankoverordnung in der Ergotherapie für drei festgelegte Diagnosegruppen möglich. Therapeutinnen entscheiden dabei innerhalb des ärztlichen Indikationsrahmens eigenständig über Heilmittel, Frequenz und Dauer (GKV-Spitzenverband). Wer in diesem erweiterten Versorgungsmodell arbeitet, profitiert besonders davon, dass Eigentraining zwischen den Sitzungen strukturiert begleitet werden kann.
Eignet sich die App auch für pädiatrische Patienten?
Lautkleckse wird laut öffentlicher Beschreibung explizit auch für Kinder und den Wortschatzaufbau eingesetzt. In der pädiatrischen Ergotherapie kann die App für Aufmerksamkeits- und Arbeitsgedächtnis-Aufgaben genutzt werden – etwa bei ADHS, bei Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten oder als spielerischer Einstieg in strukturierte Aufgaben.
Was sagt die App über den Fortschritt aus?
Die Oberfläche zeigt eine schrittbasierte Lerneinheit mit Fortschrittsanzeige, eine Serie (Streak) in Tagen, Herzen und Edelsteine. Diese Elemente sind weniger ein klinisches Assessment als ein Motivationsanker für den Patienten zuhause. Die fachliche Verlaufsdokumentation bleibt selbstverständlich Aufgabe der ergotherapeutischen Praxis.
Können Angehörige eingebunden werden?
Ja – und das ist gerade bei demenziellen Erkrankungen ein wichtiger Hebel. Da die App ohne Installation im Browser läuft und kurze Sitzungen ermöglicht, lässt sie sich gut in den Alltag von Angehörigen integrieren, etwa als gemeinsame Tages-Routine.
Fazit: Mehr Trainingsintensität – ohne den ergotherapeutischen Auftrag aufzuweichen
Ergotherapie ist und bleibt das Heilmittel, das Menschen zurück in die Handlungsfähigkeit begleitet. Das Hirnleistungstraining ist dabei eine zentrale Maßnahme, die in einem breiten Indikationsspektrum gefragt ist – von der pädiatrischen Praxis bis zur neurologischen Rehabilitation. Was diesen Bereich in den letzten Jahren verändert hat, sind weniger neue Therapietheorien als die Möglichkeiten digitaler, niedrigschwelliger Eigentrainings.
Eine App wie Lautkleckse liefert hier genau das, was kognitive Rehabilitation wirksam macht: tägliche, dosierte Wiederholung in klar strukturierten Einheiten, mit drei Schwierigkeitsstufen, gespeichertem Fortschritt und einem motivationsfördernden Sitzungsdesign. Sie ersetzt keinen Befund, keine Sitzung und keine fachliche Steuerung. Aber sie verlängert den Wirkraum Ihrer Praxis bis in den Alltag Ihrer Patienten hinein – und das ist im Grunde genommen sehr ergotherapeutisch gedacht.
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Quellen und weiterführende Informationen
• Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Heilmittel-Richtlinie und Heilmittelkatalog (Fassung 2024). g-ba.de
• Heilmittelkatalog – Maßnahmen der Ergotherapie: Vollständige Leistungsbeschreibung inklusive Hirnleistungstraining und neuropsychologisch orientierter Behandlung. heilmittelkatalog.de
• Deutscher Verband Ergotherapie (DVE): Definition Ergotherapie, Indikationskatalog, Infothek für Ärzt:innen. dve.info
• GKV-Spitzenverband: Blankoverordnung in der Ergotherapie nach § 125a SGB V (gültig ab 1. April 2024). gkv-heilmittel.de
• Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Ergotherapie richtig verordnen – Hinweise für Ärzte und Psychotherapeuten (Stand 2024). kbv.de
• Deutscher Bundesverband für Logopädie (dbl): Aufgabenfelder und Abgrenzung der Sprachtherapie. dbl-ev.de
Marvin Hoeser
Veröffentlicht am 15. Mai 2026
